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Beweidung in Wald, Waldrand und Feldgehölz

  

Der Einsatz unserer Tiere ist eine geeignete Methode, um Wälder, Waldränder und Feldgehölze offener, lichter und artenreicher zu gestalten. Dank ihrer Anspruchslosigkeit in der Nahrungswahl können gar vollständig mit Brombeeren überwachsene Gehölze wieder aufgewertet werden.

 
Die Beweidung von mit Gehölz bestandenen Flächen wirkt sich positiv auf die Biodiversität aus. Das Lichtangebot am Boden wird erhöht, folglich nehmen lichtliebende Arten zu oder siedeln sich gar neu an. In vielen Gehölzen stellen beispielsweise Brombeeren, aber auch Brennesseln, Waldreben, Efeu oder Neophyten ein regelrechtes Problem für Mensch und Natur dar: sie breiten sich zu Ungunsten anderer Pflanzen aus und bilden artenarme, undurchdringliche Dickichte. Die Schafe und Ziegen wirken dem entgegen, indem sie dem Dickicht Einhalt gebieten und eine vielfältige, strukturreiche Vegetation fördern.
 
Für die Biodiversität besonders wichtig ist, dass infolge der Beweidung ein «neuer» Lebensraum entsteht, der in vielerlei Hinsicht nicht dem heute bekannten Waldbild entspricht. So wird die Strauchschicht im Tierhöhenbereich generell ausgelichtet, wobei sie sich aber im Wuchs und der Artenzusammensetzung an die Beweidung anpasst und daher dichteren bis lückigen Wuchs sowie Totholz umfassen kann. Die bodennahe Krautschicht wird dabei begünstigt und vielfältig, artenreich und kann je nach Lichtangebot sogar wiesenähnlich werden.
 
Es ensteht also auf kleinstem Raum eine grosse Vielfalt an verschiedensten Kleinlebensräumen, was dementsprechend viele Arten begünstigt. Ein derart beweidetes Gehölz beherbergt nicht nur Waldarten, sondern lockt auch Arten des Offenlandes an, die Vorliebe für gehölzbestandene und strukturreiche Offenlebensräume haben. So profitieren beispielsweise viele heutzutage selten gewordene (oder gar ausgestorbene) Vogelarten von strukturreichen, aber lichten Wäldern, Waldrandzonen und Feldgehölzen (z.B. Baumpieper, Dorngrasmücke, Gartenrotschwanz, Gelbspötter, Neuntöter, Rotkopfwürger, Wiedehopf, u.v.m). Auch das Reh und viele weitere Säuger sind Gewinner der Beweidung und profitieren vom reichhaltigen Angebot an Strukturen.
 
Beweidung eines dicht zugewachsenen Waldrands zur Förderung der Biodiversität; während (l) und nach (r) des Weidegangs.
 
Walliser Schwarzhalsziegen unterhalten den dichten Wuchs von Brombeeren und Brennesseln in einem Feldgehölz (l). Ein Spiegelschaf reduziert den dichten Brombeer-Unterwuchs in einem Wald (r).
 
Beweidung im Hardwald zur Auslichtung des Walds und Förderung azidophiler (saure Böden liebender) Gefässpflanzen.
 
 
Kurzer historischer Abriss zur Waldweide
 
Die Waldweide ist eine traditionelle Nutzungsform, die mindestens seit der Römerzeit weit verbreitet war und das Landschaftsbild der Schweiz wesentlich mitprägte. Auch weitere agrarische Waldnutzungen (z.B. Sammeln von Laub und Nadeln als Einstreu, Schneitelung von Bäumen zur Gewinnung von Laub als Viehfutter) galten bis ins 19. Jahrhundert als üblich. Damalige Wälder präsentierten sich vielfältig, licht und strukturreich. Auch waren die Übergänge zwischen Wald und Offenland sehr vage; es gab keine klaren Grenzen. All dies bewirkte eine hohe Biodiversität auf bewaldeten Flächen. Dem entgegen standen teils massive Abholzungen im Dienste der Holzproduktion sowie agrarische Übernutzung. Insbesondere bewirkte die Industrialisierung ab dem 18. Jahrhundert eine deutliche Abnahme der Waldfläche.
 
Im grossflächigen Stil verschwand die Waldweide erst im Verlaufe des 18. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert begann der Prozess, Land- und Forstwirtschaft vollständig zu trennen. Die sogenannte geregelte Forstwirtschaft sollte verhindern, dass mehr Holz geschlagen wird als nachwächst; die agrarische Waldnutzung wurde vollständig verboten. Seitdem ist die Waldweide ein Tabuthema, welches aber in neuerer Zeit wieder neu diskutiert wird. 1991 wurde das Waldgesetz revidiert. Waldweiden werden nicht mehr explizit als «nachteilige Waldnutzung» deklariert.
 
Obwohl die Einführung der geregelten Forstwirtschaft ab dem 19. Jahrhundert unbestritten den Erhalt des Waldes mit sich brachte, sind die Waldbestände vielerorts strukturarm und gleichaltrig geworden. Dies hat sie wesentlich artenärmer gemacht als die zuvor lichten und strukturreichen Wälder. Lichtliebende Arten sind weitgehend verschwunden. Ausserdem sind die Waldränder zu harten, linearen Grenzen geraten, die Wald von Feld deutlich trennen, und nur wenige (häufige) Arten beherbergen.
 
Die moderne Waldbewirtschaftung seit den 1980er Jahren nach den Prinzipien des naturnahen Waldbaus, welche den Wald nebst der Holzproduktion u.a. auch als Lebensraum für Flora und Fauna anerkennt, ist ein Schritt in die richtige Richtung, um eine hohe Biodiversität im Wald zu fördern und zu erhalten. Dennoch konnte bis anhin der Verlust an Arten, welche strukturreiche und lichte Wälder sowie Waldrandzonen besiedeln, nicht gestoppt werden. Kontrollierte Gehölzbeweidungen dürften künftig eine geeignete Methode sein, um dem Ziel der Artenförderung näher zu kommen.
 
 
Megaherbivorentheorie, Wald und Biodiversität
 

Die Megaherbivorentheorie befasst sich mit dem Einfluss grosser pflanzenfressender Säugetiere auf die Landschaft und erklärt die für Mitteleuropa charakteristische Biodiversität. Sie besagt, dass in Mitteleuropa einst eine vielgestaltige Naturlandschaft existierte, die massgeblich durch die Pflanzenfresser geprägt worden war. So soll es noch vor dem Aussterben von Wisent, Auerochse, Elch, Wildesel und Wildpferd von geschlossenen Wäldern bis hin zu parkartigen und offenen, fast baumfreien Gebieten jegliche Übergänge gegeben haben.

Gemäss der Theorie haben die Huftiere somit vielerorts die am Standort potentiell natürliche Klimax-Vegetation (fast überall geschlossener Wald) verhindert. Nach Ausrottung der grossen Herbivoren und Zurückdrängung der heute noch verbliebenen Wildarten haben dabei mehr und mehr die domestizierten Tiere – Hausrind, Pferd, Schaf, Ziege – die «Arbeit» ihrer Vorfahren übernommen und die Landschaft gestaltet und offengehalten. Damit entstand über Jahrtausende eine Biotopkontinuität, die erst ab dem 19. Jahrhundert durch die strikte Trennung von Wald und Feld unterbrochen wurde.

Dieser neue Ansatz zum Aussehen einer «natürlichen» Landschaft führt zu neuen Diskussionen um die Ziele des Naturschutzes. Insbesondere lässt er auch über das heutige Bild von Wald und Kulturlandschaft nachdenken, das in beiden Fällen nicht mehr einer natürlichen Landschaft entspricht.

 
 

So ähnlich dürften frühere Tiefland-Gegenden ausgesehen haben: offene Weidflächen mit Busch und Wald durchsetzt. Hier in der Camargue in Südfrankreich, wo die Stiere und Pferde auf riesigen Flächen (nahezu) wild gehalten werden.

Ein weiteres, früher wahrscheinlich allgegenwärtiges Landschaftsbild in hügligem Gelände mit offenen Weidflächen und Übergängen von Busch zu lückigem bis dichtem Wald. Hier zwei Extensivweiden in der Provence.