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Flora und Fauna

 

Die Pflege durch unsere Schaf- und Ziegenrassen fördert Flora wie Fauna. Grund dafür ist die Herausbildung einer hohen Strukturenvielfalt (unregelmässiger Abfrass, stehengelassene Stengel und Altgrasbüschel, Stellen mit Trittspuren, offenem Erdboden, Kot). Diese Strukturen sind überall lückig und musterartig über die Fläche verteilt und bilden Mikrohabitate, welche für die verschiedensten Pflanzen- und Tierarten wichtig sind. Die Gesamtheit an Kleinlebensräumen ist wiederum für Arten mit höheren Ansprüchen an ihren Lebensraum überlebensnotwendig.

 
Unregelmässiger Abfrass

Das Abfrassbild nach einem Naturpflege-Weidegang ist unregelmässig: es ist teils tiefer, teils weniger tief abgefressen. So werden in Abhängigkeit von der Weidezeit einzelne Pflanzenarten resp. Altersstadien von Pflanzenarten weniger stark befressen als andere. Solche zum Weideende etwas höher stehengelassenen Pflanzen regenerieren rasch und können wieder neue Blüten bilden. Auch Stengelüberbleibsel bilden innert kurzer Zeit neue Triebe und Blüten. Begünstigt werden des weiteren stehengelassene Fruchtstände, welche infolgedessen ausreifen und Samen bilden, die dank der ansonsten abgefressenen Fläche besser auskeimen können.
 
Etwas höher stehengelassener Echter Dost Origanum vulgare (l) und nicht vollständig abgefressene Feld-Witwenblume Knautia arvensis (r)


Stehengelassene Fruchtstände von der Golddistel Carlina vulgaris (l) und der Bisam-Malve Malva moschata (r)
 
Die durch die Schafe und Ziegen geschaffene unregelmässige Vegetationsstruktur ist jedoch nicht nur floristisch gesehen wertvoll, sondern bietet vielen Arthropoden (Gliederfüsser: u.a. Insekten, Spinnentiere) Lebensraum. So dienen höher stehengelassene Pflanzen und Altgrasbüschel als Rückzugsgebiet, Nahrungsplatz, Brutstätte oder Überwinterungsort. Auch überleben auf ihnen immobile resp. weniger gut bewegliche Stadien von Arthropoden (Eier, Puppen, Larven). An höher stehengelassenen Stengeln errichten Wespen ihr Nest und hängen Spinnen ihr Netz für den Beutefang auf. Obendrein locken die Blüten, welche sich aus den Stengelüberbleibseln rasch neu bilden, Schmetterlinge und Wildbienen an.
 
Hohler Wegwartenstengel bietet Lebensraum für Wildbienen (l), neu gebildete Blüte aus Stengelüberbleibsel vom Wiesen-Bocksbart bietet Nahrung für Schmetterlinge und Wildbienen (r)
 
Der Befrass robuster und dominanter Stauden provoziert einen reduzierten, lückigen Wuchs. So beispielsweise bei Brombeeren, welche nach einem Weidegang vollständig entlaubt sind. Solche Brombeeren sind künftig bei Fortführung der Beweidung in ihrem Wachstum gehemmt, bilden aber gleichwohl jeweils kurz nach Abfrass neue, kleinere Blätter. Zwischen den nun lückig wüchsigen Brombeerstauden können andere Pflanzenarten gedeihen und zur Blüte gelangen; die Krautschicht wird artenreicher. Die Beweidung verändert somit die Dominanz- resp. Konkurrenzverhältnisse, verhindert Reinbestände und fördert eine artenreiche Vegetation.
 
Ebenso resultiert Vielfalt durch Befrass anderer dominanter oder sich rasch ausbreitender Pflanzenarten. Dies sind beispielsweise Brennesseln, Neophyten (z.B. Goldrute) und auch Sträucher.
 

Lückig wachsende Brombeeren infolge des Befrasses.
 
Wiederum dient der infolge des Befrasses künftig lückige und/oder kümmerliche Wuchs der Stauden und Sträucher nicht nur der Pflanzenvielfalt, sondern insbesondere auch unzähligen Tierarten. Denn die nun vielfältig geschaffene Vegetationsstruktur schafft auf kleinstem Raum unterschiedliche Mikroklimate (z.B. wärmer/kälter, feuchter/trockener) mit entsprechend unterschiedlichen Lebensraumbedingungen. Ausserdem werden durch den Befrass weder Brombeeren, Brennesseln noch Sträucher ausgerottet, sondern bleiben weiterhin als Lebensgrundlage für die darauf angewiesenen Arten erhalten.
 
Brombeeren dienen als Raupennahrung für beispielsweise den Brombeer-Zipfelfalter, Brombeer-Perlmuttfalter und Faulbaum-Bläuling (alles Tagfalter); den Brombeer-Spinner, den Kaiser-Bär, die Spanische Fahne und den Rosen-Eulenspinner (alles Nachtfalter).
 
Brennesseln indessen dienen als Raupennahrung für beispielsweise das Tagpfauenauge, Landkärtchen, den Kleinen Fuchs und Admiral (alles Tagfalter); den Braunen Bär, Schönbär und die Spanische Fahne (alles Nachtfalter).
 
Wesentlich für eine artenreiche Fauna ist insbesondere auch der Befrass von aufkommenden Sträuchern. Ausschliesslich Krüppelschlehen, also Schlehen Prunus spinosa, die durch den Befrass krüpplig auf etwa Kniehöhe gehalten werden, dienen als Raupennahrung für den Segelfalter und Akazien-Zipfelfalter (beides Tagfalter); das Nachtpfauenauge, Heide-Grünwidderchen, den Wollafter und Schlehen-Herbstwollafter (alles Nachtfalter). Auf solche Krüppelschlehen sind äusserst wärmeliebende Arten angewiesen: der Segelfalter und seine Begleitarten benötigen zur Raupenentwicklung holzige Frasspflanzen von Kümmerwuchs unter bodennah extrem warmen Mikroklimabedingungen (Hitzestau). In der Nordwestschweiz ausgestorben ist der Segelfalter unter anderem wegen unsachgemässer Bewirtschaftung/Pflege respektive wegen der Säuberung von Wiesen und Weiden, z.B. durch zweifache Nutzung einer Weide (Mähweide) oder explizites Entfernen der Krüppelschlehen.     
 
 
«Krüppelschlehen» von Prunus spinosa, die Dank des Befrasses künftig krüpplig wachsen, sind für den Segelfalter und seine Begleitarten als Raupenfutter unabdingbar.
 
Ägyptische Heuschrecke Anacridium aegyptium als Rarität im Raum Basel in typischem Habitat mit lückig gefressenen Brombeeren.
 
 
Vertritt und Stellen mit offenem Erdboden
 
Nicht selten kursiert die Meinung, Weidetiere würden den Boden durch Vertritt zerstören. Auch uns sind unzählige Beispiele bekannt, wo Weiden tatsächlich durch zu intensive und falsche Beweidung erdbodengleich gemacht worden sind. Ähnliches ergibt sich bei unsachgemässer maschineller Bewirtschaftung.
 
Naturpflege hingegen setzt die Tiere so ein, dass grossflächig keine Übernutzung des Bodens stattfinden kann. Entscheidend sind sowohl unsere Weideplanung (kurzzeitige Weidegänge und lange Regenerationspausen) wie auch unsere eingesetzten Tierrassen (leichte und trittsichere Robustrassen).
 
Dennoch dürfen und sollen durch unsere Schaf- und Ziegenrassen auch Tritteinwirkungen resultieren! Unbestrittenerweise ist es gerade der kleinräumige Vertritt, welcher die Artenvielfalt bei Flora und Fauna erhöht!
 
Ähnlich einem Weiderest (z.B. einer höher stehengelassenen Pflanze) schafft ein Trittsiegel je nach Bodenbeschaffenheit Struktur: der Boden wird vielfältig gestaltet, uneben und lückig, mit mehr oder weniger Vegetationsbedeckung. Dadurch werden viele Kleinlebensräume geschaffen, wovon eine breite Palette von Tier- und Pflanzenarten profitiert.
 
So siedeln sich auf stärker von Vertritt betroffenen Stellen (z.B. Trampelpfad, Uferbereich von Weiher) äusserst trittresistente Pionierpflanzen an, welche die ansonsten vorherrschende Vegetation bereichern. Solch typische Pflanzenarten sind beispielsweise das Gänse-Fingerkraut Potentilla anserina, Kriechende Fingerkraut Potentilla reptans oder der Krause Ampfer Rumex crispus (beide Feuchte Trittflur); der Grosse Wegerich Plantago major und Vogel-Knöterich Polygonum aviculare (beide Trockene Trittflur).
 
Trittsiegel auf flachgründigem Boden bei Regenwetter sowie Kriechendes Fingerkraut Potentilla reptans (l), und ein weiterer Repräsentant der feuchten Trittflur mit dem Gänse-Fingerkraut Potentilla anserina (r)
 
Von Vertritt betroffene Stellen können kleinflächig auch zu offenem Erdboden führen, resp. kann Vertritt bereits offenen Erdboden am Leben erhalten. Solche Bereiche sind insbesondere für offen- und wärmeliebende Tierarten wichtig und dienen oft als Ersatzstandort für verloren gegangene Lebensräume (z.B. Kiesbänke einstiger Auen). Grabwespen und diverse Heuschrecken gehören hier beispielsweise zu den Profiteuren.
 
Schliesslich gibt es auch Lebensräume, die auf eine Fortführung einer etwas bodenverändernden Störung (hier: Vertritt durch das Weidevieh) regelrecht angewiesen sind (z.B. Ruderalstandorte). Entfällt bei solchen Lebensräumen eine derartige Störung, bildet sich mit der Zeit eine dichte Grasflur aus; es beginnt eine Umwandlung hin zur Wiese oder zur Verbuschung. Typische Pflanzenarten hierfür sind beispielsweise die Wilde Möhre Daucus carota, Zweijährige Nachtkerze Oenothera biennis, der Gemeine Natterkopf Echium vulgare oder Pastinak Pastinaca sativa. Diese genannten Pflanzenarten kommen oft auch auf Trockenwiesen- und weiden (TWW) vor, was auf den dort lückigen Wuchs zurückzuführen ist.
 
Dieser Erdwall würde ohne Vertritt durch die Schafe und Ziegen (l) zuwachsen. Er bildet Lebensraum für offenliebende Grabwespen; auch die Wilde Möhre Daucus carota gedeiht hier prächtig (r).
 
Der Gemeine Natterkopf Echium vulgare profitiert vom lückigen Ruderalstandort (l). Auch die Italienische Schönschrecke Calliptamus italicus benötigt lückige Verhältnisse an warmem Trockenstandort und hat Vorliebe für offenen, steinigen Untergrund (r). 
 
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Bodenbefestigung durch die Schafe und Ziegen: die Grasnarbe wird befestigt, Wurzeln werden angedrückt, Samen zur Keimung in den Boden eingearbeitet. Diese bodensichernde Funktion kommt besonders bei Hängen und Böschungen zum Tragen. Einerseits wird bei lockeren Rutschhängen zwar offener Erdboden gefördert, andererseits aber der Hang als solcher befestigt, indem ein unregelmässiges Muster von befestigenden Trampelpfaden entsteht und Pflanzen stärker verwurzeln können.
 
 
Kot – ein wichtiges Element
 
Bei extensiver Beweidung ist der Kot ebenso wie der Vertritt ein wichtiges Element, das zum Weideökosystem beiträgt. Eine Nährstoffanreicherung – wie dies beispielsweise beim Mulchen respektive Liegenlassen von Grasabschnitt ganz extrem der Fall ist – ist nicht zu befürchten: über den Dung ist der Nährstoffkreislauf weitgehend geschlossen. Je nach Beschaffenheit einer Weide und Weidetierart findet aber mehr oder weniger eine Nährstoffverlagerung statt. Beispielsweise koten Weidetiere vermehrt an ebenen Ruheplätzen, wohingegen die steileren Bereiche eher kotfrei sind. So können auf einer Weide verschiedene Mikrohabitate von sehr mager bis nährstoffreicher entstehen.
 
Der Einfluss des Schaf- und Ziegenkots auf die Flora ist jedoch bei zwei kurzzeitigen Weidegängen je Jahr eher untergeordnet: die Kothäufchen bewirken auch bei etwas mehr mit Kot betroffenen Stellen kaum einen bemerkenswerten Nährstoffeintrag.
 
Vom Kot profitieren insbesondere koprophage Insekten – also Insekten, welche vom Kot leben – und deren Räuber wie beispielsweise insektenfressende Vögel und viele weitere.
 
Die Kothäufchen sind nach einem Weidegang nur spärlich vorhanden (l, im Bild links unten). Koprophage Insekten siedeln sich meist rasch auf dem Kot an, hier Kotfliegen (r).